Ein Ausflug, eine Nacht und ein nachtblinder Taxifahrer
Juli 21, 2008
Wir waren angekommen. Obwohl man die Landebahn vor lauter herumfliegenden blauen Mülltüten kaum sehen konnte waren wir sicher auf ägyptischen Boden gelandet. Mit einem klimatisierten Bus wurden wir dann ins Touristendorf Hurghada gefahren.
Den Strand in Hurghada konnte man kaum als Strand bezeichnen, sondern vielmehr als grobkörnige Schuttablagerungen auf festgetretenem, betonhartem Staub und so ließ sich das schnellere Bewegen auf diesem nur mit festem Schuhwerk blasenfrei überstehen. Auch die angepriesene Unterwasserwelt war enttäuschend. Die nah gelegenen Korallenriffe wurden durch Schnorchler und Tauchschüler völlig demontiert und wirkten farblos und im Sterben liegend.
Aber das ist nicht die Geschichte, von der ich hier erzählen möchte.
Nach einer Woche Rumfaulenzen kamen wir auf die Idee doch mal einen kulturellen Ausflug zu unternehmen. Tal der Könige und ein paar Tempel in Luxor und Umgebung. Wir hatten Schwaben kennengelernt, die ja, nach allem was man so hört, ziemlich geizig sein sollen. Die Preise von organisierten Touren waren aber auch für Nicht-Schwabenländler unverschämt hoch und so verwarfen wir die fixe Idee, bis wir auf einen Taxifahrer trafen, der uns für die Hälfte des Preises herumkutschieren wollte. Da schlugen wir selbstverständlich zu und schon am nächsten Tag befanden wir uns zusammen mit den Schwaben in einer Reisebus- Taxi- Karawane nach Luxor. Nach circa einer Stunde kamen wir an eine Polizeistation, die von ihrer Gestalt her mit einer Grenzkontrolle vergleichbar war. So standen wir sinnlos inmitten von Reisebussen herum bis sich am Anfang und am Ende der Karawane die Polizeiwagen positioniert hatten und es mit Eskorte durch die von Terroristen und Grabräubern besetzten Hügellandschaften Ägyptens ging. Irgendwann kamen wir an eine weitere Art Grenzkontrolle wo der Eskortservice sich verabschiedete und wir nun auf uns allein gestellt waren. Es kam noch kurz die Ansage zu welcher Zeit sich die letzte Eskorte wieder gen Hotelheimat bewegt und wir wurden entlassen.
Als erstes wollten wir uns diesen Tempel, eingemeißelt in die Klippen und Abhänge der Berge ansehen, in dem vor ein paar Jahren dieser Terroranschlag war (genauer Name ist mir entfallen). Wir fuhren also zum Kartenverkauf lösten ein unverschämt teures Ticket und guckten uns um. Ja. Wir guckten uns um, denn man ist es ja hierzulande gewohnt, dass das, wofür man bezahlt hat auch unmittelbarer in der Nähe dessen ist, wo man es bezahlt hat. Nach fünf Minuten in- die- Gegend- glotzen machte uns der Kartenverkäufer darauf aufmerksam, dass wir noch drei Kilometer fahren müssten um unser Ziel zu erreichen. Na gut. Also wieder rein ins Taxi und losgefahren. Unserem Fahrer schien das alles wunderbar in den Kram zu passen, denn gleich neben der Straße hatte ein Bekannter von ihm doch ein Geschäft und er wollte ihm sowieso schon lange mal wieder „Hallo“ sagen und so machten wir einen Abstecher dorthin. Wir waren in einer Kombination aus Töpferei-Vasen-Ketten-Verkauf gelandet und wurden eifrig von den Inhabern betuttelt während unser Fahrer nur mal schnell „auf die Toilette“ ging. Es sei hierbei am Rande erwähnt, dass man niemals, aber auch wirklich niemals, einen Gegenstand in einem ägyptischen Geschäft länger als zehn Sekunden anschauen sollte, wenn man nicht vorhat sich in unsägliche Unkosten zu stürzen. Es passiert dann nämlich folgendes: Der Verkäufer bemerkt das Interesse und bietet den Gegenstand zum Kauf an. Man lehnt verlegen ab. Der Verkäufer schenkt es einem. Man freut sich und während man sich freut holt der Verkäufer die eigentlichen Schätze heraus, von denen man dann nicht umhin kommt aus Dank irgendetwas zu kaufen. Dabei wird man aber immer freundlichst gefragt, ob man etwas Cola trinken möchte. Bevor unser Taxifahrer von der Toilette wiederkam hatten wir ein paar Ketten und eine Vase gekauft, die Schwaben dasselbe. Es ging weiter zum Tempel. Dort angekommen stiegen wir erfreut die endlos lange Treppe herauf, kamen in den Eingangsbereich und stießen an eine Kette. Wir stießen an eine Kette, auf deren Schild geschrieben Stand „Wegen Restaurierungsarbeiten vorübergehend geschlossen“. So eine Sauerei! Als wir zurück zur Kasse gefahren waren, war dort aber keine Menschenseele mehr aufzufinden. Und so ging es weiter ins „Tal der Könige“. Wir stiegen aus dem Taxi und folgten den Schildern Richtung Eingang, als sich vor uns plötzlich ein großer, steiler Berg erhob. Zwischen dem Berg schlängelte sich eine kleine Straße, deren Verlauf man aber schon nach 20 Metern aus den Augen verlor, weil sie um den mächtigen Berg umbog. Die Luft war gefühlte 60°C und so kam es uns ganz gelegen, dass wir am Fuße des Berges eine kleine, mit Touristen vollgestopfte Bimmelbahn sahen, die uns den schweren Aufstieg erleichtern sollte. Mit der Offenbarung des Preises verwarfen wir diese Möglichkeit aber sofort und stapften zu Fuß los, was sich im Nachhinein als die einzig richtige Entscheidung herausstellte, da die „steile und lange Bergstraße, die man nach 20 Metern aus den Augen verlor, weil sie um den Berg umbog“ auch schon nach 25 Metern am Eingang zum Tal der Könige endete. Im Tal der Könige konnten wir uns anfangs nicht entscheiden, welches der Gräber denn zuerst zu betrachten sei und so schwärmten wir ziellos aus und bekamen graffitibeschmierte, vermüllte und verblasste Grabstätten vorangegangener Könige zu sehen. Enttäuschend. Damit man das Elend aber nicht dokumentieren und zu Hause zeigen kann wird für jedes einzelne Foto eine horrende Fotogebühr bezahlt- natürlich um den Erhalt und Schutz des Grabmahls zu gewährleisten- und akribischst genau auf jeden Blitz geachtet, der in den dunklen Grüften aufflimmert. Würden sie den Grabstätten so viel Aufmerksamkeit widmen wie den Fotoapparaten der Touristen hätten sie definitiv kein Problem! Da die Ägypter aber ein freundliches Volk sind, was ihre Gäste bei Laune halten möchte, erlaubt es ihnen mit Erwerb der Eintrittskarte nur durch 3 Grabstätten enttäuscht zu werden, denn alle guten und schlechten Dinge sind ja nun mal drei und so wurden wir an der vierten Grabstätte abgewimmelt und nach draußen geschickt.
Zurück auf dem Weg zum Parkplatz wurden wir von Händlern angesprochen. Sie wollten uns Vasen verkaufen. Der Schwabe ließ sich in ein Gespräch verwickeln und der Händler holte seine Vasen heraus. Das war nicht gut. Denn nun brannte das Schwabenherz durch. Der Händler bot ihm exakt die gleiche Vase an, die der Schwabe zuvor „bei dem guten alten Bekannten des Taxifahrers“ teuer erworben hatte. Nur zum Viertel des Preises.
Ich überfliege nun den Besuch des Tempels in Luxor und komme gleich zu unserer Rückfahrt. Wir kamen zu spät. Wir kamen zu spät um von der Polizeieskorte sicher durch das Gebirge zu kommen und wir kamen zu spät um vor uns die Rücklichter der Omnibusse zu sehen, die uns den Weg gen Heimat wiesen. Das wäre im normalen Leben kein Problem gewesen. In unserem jedoch schon, denn: Wir hatten einen nachtblinden Fahrer. Wenn es in Ägypten dunkel ist, dann ist es dunkel. Zappenduster. Es gibt keine Straßenlaternen. Es gibt keine Vegetation. Zeit für die rhetorische Frage: Schon mal probiert sich in der Wüste zu orientieren?! Schwierig. Irgendwie haben wir es innerhalb mehrerer Stunden dann aber doch zum anderen Checkpoint geschafft und wurden herzlich von der Nachtwache begrüßt. Kleiner kollegialer Kaffeeklatsch zwischen Taxifahrer und Wachtposten und es ging auch schon weiter. Mit Vollgas. Auf die Speedstopper (größere Erhebung der Straße um schnelleres Fahren zu unterbinden) zu. Wir flogen. Und flogen. Und flogen. Und landeten mitten im Straßengraben. Mitten in der Wüste. Nicht, dass unser nachtblinder Taxifahrer sich nach uns umgedreht hätte um zu gucken, ob wir noch lebten. Nein, er rannte hinaus und guckte, ob an seinem Auto noch alles heil war. War es aber nicht, denn die Achse war gebrochen. Irgendwie sind wir in dieser Nacht aber trotzdem noch heil im Hotel angekommen und müde in unsere Bettchen gefallen.