Es ist wieder Running-Dinner-Time
Juni 18, 2008
Gestern war es wieder so weit. Kochwütige Studenten und Studentinnen fanden sich in bunten Teams zusammen und haben entweder Vorspeise, Hauptgericht oder Desert ihren kreativen Kochkünsten überlassen. Dabei wurden die miteinander essenden Teams nach jedem Gang wieder fleißig durcheinander gemischt, so dass man zwischen 18-22h immer Grüppchen von hungrigen Studenten durch die Greifswalder Chausseen ziehen sah.
Wir haben zu 18 Uhr eine delikate Vorspeise auf den Tisch gezaubert, die aus 3 Komponenten bestand: einem mit Räucherlachs, Creme Fraiche, Kräutern und Gewürzen garnierter Crepe, einem frittiertem Seasamtoastdreieck mit Garnelen bzw. Thunfisch und einem Kirschtomaten-Törtchen aus Blätterteig zusammen mit einer Creme-Fraiche-Pesto-Mixtur. Alles war sehr lecker und kam auch bei unseren Gästen sehr gur an.
Gegen 20 Uhr hieß es dann “Auf zum Hauptgericht” ins “Ghetto”. Dort hausierten wir bei Theologie und Kunststudentinnen zusammen mit Juristen und einem Algerier, der hier eine Unterkunft für das zur Zeit stattfindende International Students Festival gefunden hat. Es gab….Nudeln. Nudeln mit Käsesoße. Mehr möchte ich zu diesem Gang nicht sagen.
Wir sind dann nach dem Verzehr auch gleich auf zu unserem letzten und hoffentlich kreativerem Gang ins Herzen Greifswalds geradelt wo wir in einer netten Altbauwohnung, wo wir zusammen mit Geographen und Landschaftsökologen ukrainische Pancakes mit allerlei Befüllungsmaterial aufgetischt bekamen. Sehr lecker!
Gegen Mitternacht waren die Bäucher voll und alles Gesagte gesagt und wir strampelten nach Hause wo ich kugelrund in mein Bettchen viel und sofort einschlief.
Ich könnte kotzen!
Dieses Arschloch!
Und das schlimme ist: Er hat es nicht zum ersten Mal getan.
Boah, nee!
Die ganze Arbeit von zwei Wochen wieder einmal umsonst.
Für nichts und wieder nichts.
Nada.
Null.
Niente.
Einfach gar nix.
Ich stehe vor meiner 1A-in den Artikulator passenden, mit allen Kontaktpunkten versehenen, glattpolierten, einpassungsfähigen Vollprothese und glotze wie ein Häufchen Elend auf die Arbeit meiner letzten zwei Wochen.
„Das kann doch nicht wahr sein!”, denke ich und presse den Unterkiefer noch etwas doller nach oben. Nichts. Der Dummy, welchen sie unglücklicherweise Jan getauft haben, starrt mich mit seinen toten Augen hilflos an.
So oder so ähnlich werden mich wahrscheinlich in Zukunft meine Patienten angaffen, wenn ich ihnen ihre nigelnagelneue, 1A-in den Artikulator passende, mit allen Kontaktpunkten versehene, glattpolierte Vollprothese in den Mund packe und sie daraufhin ihr Maul nicht mehr richtig zubekommen.
„Wen frag’ ich jetzt am besten in Angelegenheit „Pfuschen 3000″?!”-„Naja, ich würde’ wahrscheinlich mal die Frau Bolze fragen. Die kennt sich mit dem Jan und dir da ja schon aus” erwidert mein Tischnachbar nicht ohne mir ein süffisantes Lächeln zuzuwerfen.
Hinter „Frau Bolze” steckt unsere Zahntechnikerin, die den Phantomkurs mitbetreut, und hinter „die kennt sich mit dem Jan und dir schon aus” verbirgt sich eine kleine, spitzfindige Bemerkung anspielend auf eine ähnliche Situation vor circa zwei Wochen als ich mich an einer Zwischenstation meiner Prothesenherstellung befand, zufällig meine Bisshöhe am Patientendummy kontrollierte und verwirrt feststellte, dass diese überhaupt nicht mehr mit der von mir ermittelten übereinstimmte. Ich durfte also die bis zu diesem Zeitpunkt aufgestellten Zähne alle wieder aus dem Wachs herausreißen, neue Bisswälle machen und meine gesamten Kiefer neu einartikulieren. Damals wie heute bestand das gleiche Problem: Jemand hatte am Stützstift des Patienten herumgeschraubt und damit seine Bisshöhe verändert. Nun kann man sich fragen, warum jemand das macht: Zum einen besteht die Möglichkeit, dass man ein asoziales, egozentrisches Kameradenschwein ist, was möglichst schnell mit seinen Arbeiten fertig werden will und dafür über Leichen in Form von Kommilitonen geht, die an der ihnen zusätzlich aufgehalsten Arbeit zu ersticken drohen, zum anderen besteht die salonfähigere Variante: Man wollte seine Prothese einfach optimaler passend machen ohne großartig an ihr herumzuschleifen. Das ist schön für ihn, blöd für mich.
Nichtsdestotrotz sage ich: Danke!
Danke für die stete Herausforderung meines Könnens.
Danke für die andauernden Möglichkeiten der Verbesserung meiner Fähigkeiten.
Danke für die selbstlose Ignoranz deines dir in einem Jahrzehnt angeeigneten Wissens zur Förderung meiner Flexibilität.
Danke für das Streben nach Perfektion.
Danke für dein Vertrauen in meine Fähigkeiten.
Highend versus Low-Budget
Mai 18, 2008
Es war ein warmer Frühlingstag. Die Sonne schien durch die frisch polierten, automatisch öffnenden und stets vor maximaler Sonneneinstrahlung geschützten, jalousienverkleideten Fentster der teilweise modernsten Zahnklinik Deutschlands, in der man leider vergessen hatte die Klimaanlage einzubauen, und die Studenten des vierten Semesters legten eifrig Gesichtsbögen an, nahmen Protrusionsregistrate und verschlüsselten Registratträger, denn: Sie fertigten unter Aufsicht des No.-One-Kursassistenten, auch Alpha-Männchen genannt, ihre erste persönliche Zentrikschiene an. Das Alpha-Männchen trägt seinen Namen natürlich nicht unverdienterweise und so fällt es, nach einem kurzen Intermezzo in der Welt der Bodenständigkeit, in seine natürlichen Verhaltensweisen zurück und beginnt unverzüglich mit der ihm von Natur gegebener natürlichen Verhaltensweise: dem Imponiergehabe.
Es lässt sich aus über die nicht seinem Intellekt und Anspruch genügenden Inhalte des Kurses, die mit Löffeln gefressene Weisheit eines Kursstudenten und die Blödheit dessen Freundin immer noch mit ihm liiert zu sein (und unter uns gesagt: besagte junge Dame muss wirklich blöd, anspruchslos oder aber besonders verzweifelt sein, denn das permanente kluge Rumgescheiße, rechthaberische und degradierende Verhalten dieses jungen Herrn erträgt nun wirklich keiner länger als einen Monat), die viel zu positiv geschriebene Empfehlung des Professors für seinen neuen Job… Moment einmal! Neuer Job? Ja! Der No.-One-Kursassistenten wurde von etlichen Praxen in ganz Deutschland umworben und gebeten doch seine hervorragenden Qualifikationen in ihrer Praxis auszuüben und zu perfektionieren. Die Wahl viel auf eine kleine aber feine Praxis im Umland von Oldenburg. Warum nun gerade diese Praxis? Warum nicht eine nahe seiner Familie oder im Ausland? “Nun, das ist eine berechtigte Frage”, urteilte das Alpha-Männchen und es folgte eine Ode an die Selbstverliebtheit.
“Ich habe viele Bewerbungen geschrieben. Unter anderem auch an Praxen nahe Düsseldorf. Aber es ist schwer dort hineinzukommen. Vor allem bei meinen Qualifikationen. Ich bin überqualifiziert. Zudem hat mir der Professor eine Beurteilung gegeben, die ich mich kaum traute einzureichen. Sie war einfach zu positiv. Ich tat es dann doch aufgrund eines Satzes, nämlich: dass er es sehr bedauere, dass ich gehe, aber wohl war mir bei der Sache nicht. Die Praxen, die mich dann zu einem Besuch eingeladen haben waren teils gut teils entsprachen sie aber auch nicht meinen Ansprüchen. Praxen die heutzutage noch MEG- oder Klammerprothesen machen sind einfach Dreck! Sowas mach’ ich nicht! Es ist nachgewiesen, dass Klammern nachhaltig die Zähne schädigen und zum Anschleifen von Zähnen für eine bessere Passgenauigkeit muss ich Ihnen wohl vom zahnmedizinischen Standpunkt aus nicht viel erzählen. Ich sag Ihnen was: Die Leistungen, die Ihnen später von den Kassen bezahlt werden entsprechen in Schulnoten ausgedrückt einer Vier. Vier ist ausreichend. Aber ich möchte nicht nur ausreichend sein. In der Praxis, in die ich gehe, kommt der Patient die ersten drei Male ohne das er auch nur etwas prothesenähnliches in der Hand hält. Es werden Funktionsabdrücke gemacht. Die sind so genau, dass ich an der Prothese hinterher nicht mehr einschleifen muss. Und bevor auch nur von dauerhaftem Zahnersatz gesprochen wird, wird ersteinmal gecheckt, ob der Patient nicht eine Bisserhöhung hat und der gesamte Zahnkranz nicht komplett überkront werden müsste. Das würde ihn dann 20’000 € kosten, aber etwas anderem wird dem Patientem im Fall einer Bisserhöhung gar nicht erst angeboten, weil alles andere Mist wäre. dafür wird man da gefeuert. Und Sie werden sich wundern, aber die meisten Patienten bezahlen diese 20’000 € auch.
Sie werden in Ihrer Karriere irgendwann an dem Punkt stehen, an dem Sie sich entscheiden müssen, was Sie machen wollen: Das “Ausreichende”, was Ihnen von der Kasse bezahlt wird, oder Highend.”
Die Studenten schweigen bestürzt in sich hinein, bis einer den Vorstoß wagt und fragt, was denn mit denjenigen Patienten geschiehe, die nicht mal eben 20’000 € auf der hohen Kante liegen haben. “Die werden weggeschickt.”-”Aber haben sie nicht mit Ihrer Approbation den Eid des Hippokrates geschworen, in dem es heißt, dass sie jedem nach bestem Wissen und Gewissen helfen werden egal welcher Herkunft er ist? Dann wäre der ja jetzt quasi fürn Arsch.”-”Ich gewährleiste ihm die Grundversorgung. Aber darüber hinaus mache ich nichts! Ich kann doch nachts nicht ruhig schlafen, wenn ich genau weiß, dass die Prothese, die ich dem Patienten demnächst einsetzten werde totaler Mist ist! Also schick’ ich ihn woanders hin”-”Können Sie denn ruhig schlafen, wenn Sie wissen, dass der Patient entweder ohne Prothese herumläuft, seine noch vorhandenen Knochen artrophieren oder er zu einem anderen Zahnarzt geht, dieser die ihm von der Kasse bezahlte Prothese anfertigt und der Patient dann letztendlich doch mit der von Ihnen mit “ausreichend” beurteilten Prothese herumläuft? Ich mein: direkt oder indirekt. Auf jeden Fall trägt der von Ihnen weggeschickte Patient im glücklichsten Fall dann doch eine Prothese, die ihm das Essen, Sprechen, Lächeln, sprich die sozialen Interaktionen ermöglicht.” Stille. Nach einer Weile ergreift das Alpha-Männchen wieder das Wort: “Deswegen sagte ich Ihnen ja: Sie müssen sich entscheiden. Wollen Sie Samariter oder professioneller Zahnarzt werden. Es ist schön, dass es so soziale Leute wie Sie gibt, aber… “
Haben wir wirklich nur noch die Wahl zwischen Highend- oder Low-Budget-Bahndlungen? Ist alles schwarz oder weiß? Was ist aus all den Grautönen dazwischen geworden, die bedeuten würden, dass man Patienten mit entsprechendem finaziellen Hintergrund die bestmögliche, zahnschonendste und ästhetisch wertvollste, denjenigen, die aber über jeden Kino- oder Schwimmbadbesuch nachdenken und vorher ihre Finanzen checken müssen, die Low-Budget-Version anbietet? Ist es gerechtfertigt Patienten in eine finazielle Sackgasse zu führen, wo man Ihnen die Nach- und Vorteile andere Behandlungsmethoden noch vorenthalten hat?
Wahrscheinlich ist es die Entscheidung die jeder irgendwann in seiner Karriere treffen muss: Handle ich ensprechend meiner von mir selbst gesetzten Ansprüche oder berücksichtige ich dabei auch noch den sozialen und finanziellen Hintergrund meines Gegenübers.

